Woran Sie ein einfaches, gut gemachtes Lernvideos erkennen – die Anleitung

einfache, gut verständliche Lernvideos erstellen
14.11.2018
Kerstin Boll
Selbstkompetenz
Inhalt

Ein gutes Lernvideo ist unter anderem ein einfaches Video; eines, das auf die Vorkenntnisse des Nutzers eingeht und ihn fordert, ohne zu überfordern. Wissenschaftler von der Vanderbilt-Universität in den USA haben untersucht, was "einfach" bedeutet.

Lieber bunt und anregend oder schlicht und einfach?

Menschen bevorzugen unterschiedliche Kanäle zum Lernen: Der Eine ist ein guter Zuhörer, der Andere lernt sehend, der Dritte braucht haptische Anregungen.

So kommt es, dass Weiterbildungsanbieter versuchen, ihre Lernmedien mit vielfältigen Anregungen aufzuwerten. Jeder soll das bekommen, was er mag und braucht – so die Idee. Dieser Impuls zeigt sich auch in den Lernvideos.

Eine Arbeit von Cynthia Brane von der Vanderbilt University legt jedoch nahe, dass kluge Beschränkung notwendig ist, um Lernende bei ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit abzuholen. Die wichtigsten Thesen ihrer Arbeit haben wir für Sie zusammen gestellt.

Das Gedächtnis nimmt zugleich sehr viel und sehr wenig auf

Mehrere Studien haben gezeigt, dass Technologie das Lernangebot verbessern kann. Das gilt ganz zuvorderst für Lernvideos. Weiterbildungsanbieter müssen jedoch darauf achten, ihre Teilnehmer nicht zu überfordern. Andernfalls kann es zu Verstehens- und Speicherungsproblemen kommen.

Die Cognitive Load Theory wurde von Sweller und Kollegen (1988, 1989, 1994) aufgestellt. Sie erklärt kognitive Überlastung damit, dass das Gedächtnis aus mehreren, unterschiedlich leistungsfähigen Komponenten besteht:

  • Das sensorische Gedächtnis – oder Kurzzeitgedächtnis – sammelt unmittelbar die Informationen und Eindrücke aus der Umwelt. Diese Informationen legt es in eine Art Arbeitsspeicher ab. Dieser verfügt nur über begrenzte Kapazitäten. Dennoch ist er wichtig für die Kodierung der Informationen in das Langzeitgedächtnis.

  • Das Langzeitgedächtnis hat fast unbegrenzte Kapazitäten. Doch dazu müssen die Informationen vom kurzfristigen Speicher in den langfristigen Speicher gelangen. Da das sensorische Gedächtnis in seiner Verarbeitungskapazität begrenzt ist, muss es eine Auswahl treffen: Wichtiges leitet es weiter, Unwichtiges sortiert es aus.

Was verursacht kognitive Überlastung?

Aufbauend auf diesem Gedächtnismodell erklärt die Theorie der kognitiven Last eine Überforderung so:

Intrinsische Belastung

Je schwieriger ein Lerninhalt, desto belastender ist er. Ein wichtiges Indiz für "schwierig" sind die inneren Zusammenhänge und wechselseitigen Abhängigkeiten eines Themas.

Der Zusammenhang von "Sonne – Himmel – blau" erklärt sich schnell. Ein Ökosystem mit seinen vielfältigen inneren Dynamiken ist schon schwieriger zu verstehen.

Extrinsische Belastung

Die extrinsische Belastung bezieht sich auf die Aufbereitung der Lerninhalte. Wenn Fotos oder begleitendes Bildmaterial wenig mit den eigentlichen Inhalten zu tun haben, steigt die Belastung. Gleiches gilt für verwirrende Anweisungen oder überflüssige Informationen. Vereinheitlichung und Fokus bauen extrinsische Belastung ab.

Lernförderliche kognitive Belastung

Gemeint sind unterstützende Maßnahmen zur Informationsverarbeitung, um bestehende kognitive Ressourcen zu aktivieren. Lernstrategien sind ein gutes Beispiel dafür. Eine Lernstrategie wenden Sie zum Beispiel an, wenn Sie bekanntes Wissen mit neuem verknüpfen.

Hören und sehen: die Chancen von Lernvideos nutzen

Diese Einsichten haben Auswirkungen auf die Gestaltung von Lernmaterialien im allgemeinen und von Lernvideos im Besonderen. Je höher die immanente intrinsische Belastung eines Themas, umso wichtiger ist eine sorgfältige Struktur – also der Abbau von extrinsischer Belastung. Produzenten von Lernvideos sollten sich mit Rücksicht auf die begrenzten Ressourcen des sensorischen Gedächtnisses auf das Wichtigste beschränken und alles Ergänzende ausblenden.

Für Lernvideos, also multimediale Lernmaterialien, gilt darüber hinaus:

Das sensorische Gedächtnis verfügt über zwei Kanäle der Informationsverarbeitung: Es gibt den visuellen/bildlichen Kanal und den auditiven/verbalen.

Obwohl beide Kanäle über begrenzte Kapazitäten verfügen, kann eine Kombination beider Kanäle vorteilhaft sein – nämlich dann, wenn es gelingt, die neuen Informationen in bereits vorhandene Strukturen zu integrieren. Im günstigen Fall wird dabei die Kapazität des Arbeitsspeichers maximiert. Eine Überlastung ist jedoch ebenfalls möglich.

Auf einen einfachen Nenner gebracht bedeutet das: Lernende nehmen es dankbar auf, wenn Inhalte Bezug zu ihrer Welt haben und an vorhandenes Wissen anknüpfen. Dann nämlich erleben sie die Lerninhalte als sinnvoll.

Vier Empfehlungen für Lernvideos

Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich mehrere Empfehlungen für Schulungsvideos. Die zielführende Idee ist dabei stets, die extrinsische Belastung zu minimieren, die intrinsische kognitive Belastung zu steuern und sinnvolle Lernunterstützung zu geben.

Signalisieren

Verwenden Sie Text oder Symbole auf dem Bildschirm, um wichtige Informationen hervorzuheben.

Wählen Sie beispielsweise zwei bis drei Schlüsselwörter und ändern die Farbe oder den Kontrast. Mit Symbolen, wie etwa einem Pfeil, können Sie auf einen Bereich des Bildschirms aufmerksam machen.

Durch das Hervorheben lenken Sie die Aufmerksamkeit des Lernenden und begünstigen die Verarbeitung in dessen Arbeitsspeicher. Aus der Sicht des Lernenden sinkt die extrinsische Belastung, da es ihm leichter fällt, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Zugleich helfen Symbole und Stichworte dabei, den Fokus auf innere Zusammenhänge eines Themas zu lenken. Untersuchungen konnten belegen, dass es Lernenden so leichter fällt, neues Wissen zu behalten und zu übertragen.

Segmentieren

Teilen Sie Informationen in Segmente auf und geben so dem Lernenden die Möglichkeit, sich mit überschaubaren Lerneinheiten zu beschäftigen. Zugleich gewinnt der Lernende die Kontrolle über den Informationsfluss und kann seine Verarbeitungsgeschwindigkeit selbst steuern.

Einfach übersetzt bedeutet die Empfehlung: Teile und herrsche. Gerade bei schwierigen Themen hilft es Lernenden, wenn sie sich dem Thema in kleinen Schritten nähern dürfen.

Sie haben die Wahl, ob Sie kürzere Lernvideos bereitstellen oder Pausen in ein Video einfügen, um den Lernenden zum Beispiel Fragen zur Bearbeitung zu übergeben. Ermuntern Sie die Lernenden auch zu alternativen Lerntechniken, wie Verbalisieren, Imagination oder Verschriftlichung.

Jäten

Beim Jäten sortieren Sie interessante, aber im Kern unwichtige Informationen konsequent aus. Alles, was nicht zum Lernziel beiträgt, muss weg. Dazu gehören Musik, aufwendige Hintergründe oder zusätzliche Funktionen. Animationen zum Beispiel fordern vom Lernenden, dass er beurteilt, ob er ihnen Aufmerksamkeit schenkt oder nicht. Dies erhöht die extrinsische Last und erschwert das Lernen.

Das, was extrinsische Last bedeutet, ändert sich je nach Status des Lernenden. Was sich für einen Einsteiger als unwichtig darstellt, kann für einen Experten bedeutsam sein. Deshalb müssen Verantwortliche, die Schulungsvideos bereitstellen, sehr genau darauf achten, wo sie die Lernenden abholen, was diese für die Informationsverarbeitung wirklich brauchen und was überflüssig ist. Wissenschaftler konnten zeigen, dass das Jäten die Speicherung und Übertragung neuer Informationen unterstützt.

Matching

Matching ist ein Prozess, bei dem sowohl der auditive und verbale wie auch der visuelle und bildliche Kanal angesprochen werden, um Informationen zu übermitteln.

Stellen Sie sich vor, Sie präsentieren einen Prozess mithilfe einer Animation. Gleichzeitig erzählen Sie, worauf es in dem Prozess ankommt. Sie sprechen also den visuellen und zugleich den auditiven Kanal an.

Anders sieht es auch, wenn Sie die Animation mit Texteinblendungen kombinieren. Auf die Art sprechen Sie ausschließlich den visuellen Kanal an. Damit ist dieser Kanal überlastet und das Lernen wird behindert. Die Kombination zweier Kanäle hat ihre Effektivität in Untersuchungen belegt.

Unser Fazit

Die Empfehlungen entsprechen der Wahrnehmung im Alltag und wirken auf den ersten Blick natürlich und schlicht. Wir finden es jedoch hilfreich, sich des eigenen Werkzeugs bewusst zu werden. Wer weiß, dass er Signalisieren, Segmentieren, Jäten und Matching zur Verfügung hat, kann seine Lernvideos gezielt optimieren und muss nicht mehr aus dem Bauchgefühl heraus entscheiden.

Quellen:

Brame, C.J. (2015). Effective educational videos. Retrieved November, 12th, 2018.

Krengel Martin, Bestnote. Lernerfolg verdoppeln, Prüfungsangst halbieren. Eazybooks, 2012.

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