Digitale Didaktik für die betriebliche Weiterbildung

die digitale Didaktik rückt  die Medien und die Sicht der Lehrkräfte in den Vordergrund .
16.03.2021
Kerstin Boll
Selbstkompetenz
Inhalt

Was ist digitale Didaktik?

Was digitale Didaktik bedeutet, darüber gehen die Meinungen noch weiter auseinander. Manche Experten bemängeln, dass die digitale Didaktik die Medien und die Sicht der Lehrkräfte in den Vordergrund rückt. Geht es nicht eigentlich um den Erfolg der Lernenden?

"Didaktik" steht für die "Theorie und Praxis des Lehrens und des Lernens". Muss sich eine Definition auf derart hoher Flughöhe bewegen? In diesem Fall schon, will sie die zahlreichen Schulen, Theorien und Meinungen einschließen, die es gibt. Kein Zweifel: "Didaktik" ist ein vielschichtiger Begriff.

In diesem Artikel gehen wir von einem handwerklich-pragmatischen Verständnis aus. Wir fragen:

  • Wie gelingt erfolgreiches Lernen bei Erwachsenen unter Zuhilfenahme von digitalen Medien?

  • Lassen sich bewährte Konzepte aus dem Präsenztraining eins zu eins in die digitale Welt übertragen?

  • Und wenn nicht: Wie lässt sich die Umstellung bewältigen?

Vorteile digitaler Weiterbildung

Laut ARD/ZDF-Online-Studie 2020 bewegen sich 94 Prozent der Bevölkerung im Netz. Der Anteil derer, die täglich ins Netz gehen, liegt bei 72 Prozent. Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 14 und 29 Jahren sind es täglich 97 Prozent.

Digitale Medien sind dem Gros der Bevölkerung aus dem Alltag vertraut. Trainer*innen erleben das, wenn sich ihre Teilnehmenden ohne weiteres Zutun per WhatsApp verabreden, Flipcharts fotografieren oder mal eben schnell einen Begriff googeln.

Die Devices sind da: Bei den 14- bis 49-Jährigen haben Smartphones eine Verbreitung von 95 Prozent. In der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen liegt die Verbreitung bei 87 Prozent (Quelle: Statista).

Darüber hinaus verfügen 90 Prozent aller Haushalte in Deutschland über einen Computer. (Quelle: Statista, Stand 2019).

Das bedeutet:

  • Fast jeder hat Zugang zu einem privaten Device.

  • Und grundlegende Kompetenzen mit den Internet-Medien sind vorhanden.

Eine wichtige Information für Weiterbildungsprofis in den Unternehmen: Mit den privaten Devices der Mitarbeitenden zu arbeiten, ist nicht abwegig. BYOD (Bring Your Own Device) ist mehr als ein Sparpaket: Das eigene Gerät ist den Teilnehmenden vertraut. Der Aufwand, um technische Hürden zu überwinden, sinkt.

Es ist Sache der Unternehmen, den weniger zahlungskräftigen Mitarbeitenden unternehmenseigene Geräte zur Verfügung zu stellen und allen anderen einen fairen Ausgleich anzubieten. Auf jeden Fall senkt der Zugriff auf eigene Geräte die Hürde, digitalisiertes Lernen im Unternehmen einzuführen.

Dabei gibt es ein paar Dinge zu beachten:

  • Der Zugriff mit privaten Devices auf das Unternehmensnetzwerk berührt Sicherheitsfragen. Diese müssen gelöst werden.

  • Die von den Trainerinnen und Dozent*innen verwendeten Apps und Materialien müssen quer über alle Plattformen hinweg nutzbar sein.

  • Findet die Veranstaltung in den Homeoffices der Mitarbeitenden statt oder in den Räumen des Unternehmens? Im zweiten Fall brauchen die Teilnehmenden einen ausreichend stabilen WLAN-Empfang.

  • Sie müssen sich außerdem darüber im Klaren sein, dass sie ihre eigenen Geräte mitbringen müssen, inklusive Ladekabel, Mouse und anderem Zubehör.

  • Technik fordert immer ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Die Lehrkräfte sollten Zeit für Erklärungen und Einführungen einplanen.

Möglichkeiten der digitalen Weiterbildung - Lassen sich Präsenzworkshops eins zu eins umstellen?

Im Zuge der Corona-Krise und unter dem Eindruck, schnell reagieren zu müssen, haben viele Unternehmen ihre Veranstaltungen einfach als Web-Konferenz gesendet. Die Mitarbeitenden saßen acht Stunden und länger vor dem Bildschirm.

Wer eine solche Veranstaltung erlebt hat, weiß aus eigener Erfahrung: So funktioniert das nicht! Lernen mithilfe von digitalen Devices hat seine eigenen Bedingungen. Praktiker empfehlen:

Tipp 1: Zeitplanung

Am Bildschirm zu sitzen, fordert ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit und damit Kraft. Deshalb geht ein Tagestraining als Präsenzveranstaltung in Ordnung. Ein Acht-Stunden-Online-Training überfordert alle Beteiligten.

Teilen Sie deshalb die Trainingszeit in übersichtliche Einheiten und planen großzügige Pausen ein. Aus einem Tagestraining von acht Stunden wird so beispielsweise eine Trainingsserie von viermal zwei Stunden.

Tipp 2: Einen Info-Point schaffen

Das Flipchart im Seminarraum, das alle organisatorischen Fragen bündelt, braucht einen Ersatz. Richten Sie deshalb eine zentrale Informationsstelle für die Teilnehmenden ein. Diese haben Fragen wie:

  • Wann findet das Training statt?

  • Wo finde ich die Zugangsdaten?

  • Soll ich mich vorbereiten?

  • Welche Zugangsdaten gibt es?

  • Wer sind die anderen Teilnehmer*innen?

  • Wo kann ich Fragen stellen?

Tipp 3: Gestalten Sie ein Warm-up vor dem Training oder dem Seminar

Dazu haben Sie mehrere Möglichkeiten:

  • Überlassen Sie den Teilnehmenden Videos und anderes Material, um sich auf das Thema einzustellen.

  • Stellen Sie eine überschaubare Aufgabe, um die Teilnehmenden zum Thema hinzuführen. Lassen Sie die Teilnehmenden zum Beispiel von eigenen Erfahrungen berichten.

  • Für einen guten menschlichen Draht zueinander empfiehlt sich eine kurze Video-Konferenz vorab. So können sich alle kennenlernen und erste Fragen loswerden. Zugleich ist dies eine Gelegenheit, die Technik zu prüfen und Hürden vor dem Start abzubauen.

Tipp 4: Auch digitales Lernen braucht die Reflexion

Für die Nachbereitung und Reflexion eignet sich eine weitere kurze Video-Konferenz.

Bleibt die Frage nach der Aufbereitung der Inhalte - also nach der digitalen Didaktik im engeren Sinne: Was ist hier anders?

Train the Trainer - Müssen die Trainer:innen und Dozent:innen digitale Didaktik extra lernen?

Lehrkräfte mit didaktischer Vorbildung können mit Sicherheit auf vieles zurückgreifen. Dennoch gibt es Unterschiede zur digitalen Didaktik. Zu den wichtigsten zählen diese:

  • Wie sinnvoll ist es, die knappe gemeinsame Zeit dazu zu nutzen, Wissen weiterzugeben? Klüger ist es, die Teilnehmenden einzeln oder gruppenweise dazu aufzurufen, sich das Wissen selbst anzueignen - auf Basis einer freien Recherche oder bereitgestellter Materialien. Die Teilnehmenden haben so die Gelegenheit, in ihrem eigenen Tempo und eigenverantwortlich zu lernen. Das Konzept ist unter dem Begriff "Flipped Classroom" bekannt. Für die Lehrkräfte bedeutet dies eine erhebliche Umstellung: Sie werden zum Lernbegleiter oder Lehrcoach. Damit ändert sich ihr Selbstverständnis und ihr Toolset: Sie müssen die Fähigkeit entwickeln, in ein Thema einzuführen, ohne es komplett zu behandeln.

  • Hinzu kommt ein Verständnis für die digitalen Werkzeuge und Tools: Was lässt sich mit einem Chat anfangen, mit einem virtuellen Klassenzimmer, mit Diskussionsforen, E⁠-⁠Mails oder Wikis? Wie präsentiert man sich gut vor der Kamera? Wie moderiert man den Austausch zwischen den Teilnehmenden?

  • Viele Praktiker betonen die Bedeutung von ständiger Abwechslung. "Alle drei Minuten ein Wechsel", heißt die Regel, damit die Aufmerksamkeit fokussiert bleibt.

Im Sinne der Agilität hat es keinen Sinn, erst dann zu starten, wenn alles perfekt ist. Doch auf lange Sicht sollten die Trainer:innen und Seminarleiter:innen didaktisch geschult sein. Die digitale Didaktik hat eigene Gesetze.

Wie gewinnen Sie die Mitarbeitenden für die digitale Didaktik?

Die australische Professorin Gilly Salmon forscht seit über 30 Jahren zum Thema und entwickelt digitale Lernszenarien.

Ihr Fünf-Stufen-Modell zum Online-Lehren und –Lernen zeigt, wie Sie Teilnehmende an digitales Lernen heranführen.

  • Stufe 1: Individueller Zugang und eine positive Einstellung zum Online-Lernen.

  • Stufe 2: Gewöhnungsübungen und gegenseitiges Kennenlernen der Teilnehmenden

  • Stufe 3: Beginn der inhaltlichen Arbeit und der Auseinandersetzung mit den Kurs-Themen.

  • Stufe 4: Standpunkte diskutieren, Ideen entwickeln - und so gemeinsam Wissen herstellen.

  • Stufe 5: Eigenständige Diskussion der Teilnehmenden.

Die Spick-Liste für die digitale Didaktik: Woran sollten Sie denken?

  • Beachten Sie rechtliche Fragen wie Urheber- und Datenschutz. Texte, Bilder und Videos von fremden Quellen dürfen Sie nicht einfach so verwenden. Sicher sind Sie, wenn Sie eigene Materialien einsetzen oder auf OER (Open Educational Resources) zugreifen. Achten Sie außerdem auf die Regeln des Datenschutzes.

  • Welche digitalen Tools wollen Sie einsetzen? Sind sie für alle und auf allen Plattformen einsetzbar? Denken Sie dabei auch an kollaborative Tools, auf die alle zugreifen und miteinander arbeiten können.

  • Wie nutzen Sie die digitalen Tools - interaktiv, optisch ansprechend und spannend?

  • Wie und wo findet das Seminar oder Training statt? Bauen Sie auf eigene Geräte der Teilnehmenden oder stellen Sie Geräte zur Verfügung?

  • Passen Sie die Didaktik an und achten auf eine digitale Didaktik: Das 30-Minuten-Referat alter Schule hat ausgedient. Lernen mithilfe von digitalen Medien hat seine eigenen Regeln.

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Quellen:
ARD/ZDF-Online-Studie 2020: https://www.ard-zdf-onlinestudie.de/files/2020/2020-10-12_Onlinestudie2020_Publikationscharts.pdf
Statista: Anteil der Smartphone-Nutzer in Deutschland in den Jahren 2012 bis 2020
Statista: Statistiken zum Thema Computer

https://wb-web.de/material/medien/ist-byod-fuer-meinen-unterricht-geeignet.html

https://wb-web.de/material/methoden/das-aktive-online-lernen-und-lehren-das-stufenmodell-von-gilly-salmon.html
http://www.einfachlehren.tu-darmstadt.de/themensammlung/details_4800.de.jsp
https://wb-web.de/dossiers/Digitalisierung-in-der-Erwachsenenbildung-1.html

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