Wissenschaftliche Studie: Was gute Erklärvideos auszeichnet

30.11.2017
Johanna Czerny

“There is a significant rise in the use of videos. More and more people use videos not only as a source of information but also as learning tool” (Krämer/Böhrs 2016)

Wie kocht man Marmelade? Wie installiere ich diese bestimmte Software auf meinem PC? Wie ist ein Dieselmotor aufgebaut und wie funktioniert das Wahlsystem in den USA? Keine Sorge. YouTube, Google und Co. wissen bestens Bescheid und stehen immer gern mit einem hilfreichen Erklärvideo zur Seite. Immer mehr Menschen nutzen diese schnelle und bequeme Art der Wissensaneignung regelmäßig im Alltag.

Erklärvideos gehören immer mehr zum Alltag

Im Jahr 2016 untersuchten Andreas Krämer von der BiTS-Business and Information Technology School und Sandra Böhrs von The Simpleshow Company S.A. in einer empirischen Studie den Gebrauch von Erklärvideos und deren Wirkung. Dazu wurden rund 1000 Versuchspersonen über 18 Jahre aus Deutschland und ebenso viele aus den USA in einer Online-Studie befragt. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Bewertung der Teilnehmenden von verschiedenen Videoformaten.

Der erste Teil der Studie beschäftigte sich mit den Vorerfahrungen der Teilnehmenden mit E⁠-⁠Learning im Allgemeinen und insbesondere Erklärvideos. Hier zeigte sich vor allem im Vergleich mit einer Studie aus dem Vorjahr (Krämer & Böhrs, 2015), dass der Kontakt mit E⁠-⁠Learning in der Bevölkerung deutlich angestiegen ist. In Deutschland ist dieser Anstieg noch deutlicher bemerkbar als in den USA, während Senioren (60+), wenig verwunderlich, eher nicht in Kontakt mit E Learning kommen.

Tabelle 1: Erfahrungen der Altersgruppe 60+ mit E⁠-⁠Learning. Vergleich Deutschland - USA

Weiter wurde gefragt, welche Formen der digitalen Lernmöglichkeiten genutzt wurden. Nummer 1 waren hierbei klar Online-Informationsquellen wie Wikipedia und Co. YouTube schnitt bei der Befragung am zweitbesten ab. Verglichen mit den Ergebnissen von 2015 gab es besonders bei YouTube einen starken Nutzungsanstieg. Interessant ist zudem, wie viele Teilnehmende angaben, bereits Erfahrungen mit Erklärvideos gemacht zu haben. Der Anteil der US-Bürger ist hier in allen Altersgruppen um circa 30% niedriger als der der deutschen Teilnehmenden. Erstaunlicherweise zeichnet sich dies sogar bei den Befragten über 60 Jahren ab. In Deutschland machten etwa 62,4% schon Erfahrungen mit Erklärvideos, während in den USA der Anteil nur 37,4% betrug.

Tabelle 2: Die Nutzung von Erkärvideos ist in Deutschland stärker verbreitet als in den USA

Wer einmal gute Erklärvideos gesehen hat, will mehr davon

Auf die Frage: „Wären Sie interessiert auch zukünftig Erklärvideos zu schauen?“ antworteten 73% der befragten Deutschen mit „Ja“. Besonders in Deutschland deutet sich damit ein sichtbares Zukunfts-Potential für Erklärvideos an. Der Hauptantrieb für die vermutete künftige Nutzung sind, so legt es die Studie nahe, die guten Erfahrungen, die die Nutzer mit Erkärvideos gemacht haben. . Die Befragten, die zuvor noch keine Erklärvideos benutzt  hatten, verneinten auch zu 60% einen zukünftigen Gebrauch, während die Teilnehmenden mit Vorerfahrung mit großer Mehrheit (85%) angaben, Erklärvideos auch in Zukunft zu nutzen.

Einige interessante Fragen und die Antworten im Ländervergleich zeigt diese Tabelle:

Tabelle 3: Dass man sich die Inhalte von Erklärvideos besser merken kann als textbasierte Inhalte sollte natürlich nicht "gefragt" sondern "gemessen" werden. Dennoch ist die Übersicht interessant.

Unterschiedliche Erklärvideo-Formate haben unterschiedliche Wirkungen

Im zweiten Teil der Studie wurde die Wirkung unterschiedlicher Erklärvideo Formate untersucht. Die Untersuchung fand im Vorfeld der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen im August 2016 statt. In diesem Kontext wurden den Probanden Videos gezeigt, die das Wahlsystem und Wahlhintergründe erklärten. Alle Videos hatten also denselben Inhalt, aber unterschiedliche Formate. Die getesteten Formate:

  1. Explainity-Video

  2. Mysimpleshow

  3. Classic

  4. Color-Format

  5. Whiteboard

Für Erklärvideos haben sich unterschiedliche Formate etabliert.

Jeder Versuchsperson wurde ein zufällig ausgewähltes Video gezeigt, wodurch innerhalb der zwei Probandengruppen (Deutsche und US-Bürger) fünf Referenzgruppen entstanden.

Um festzustellen, welches Vorwissen über die Präsidentschaftswahlen die Teilnehmenden bereits hatten, wurden ihnen im Vorfeld einige Fragen zum Wahlsystem gestellt. (Die Fragen basierten ebenfalls auf dem zugrundeliegenden Explainity-Video.) Nach dem die Probanden das Video angeschaut hatten, wurden dieselben Fragen zum Wahlsystem erneut gestellt, um den Wissenszuwachs und Lerneffekt zu prüfen.

Außerdem wurde das Interesse der Teilnehmenden abgefragt. Das Ergebnis zeigte interessanterweise, dass 66% der Deutschen das Thema der US-Präsidentschaftswahl interessant fanden, jedoch nur 57% der Befragten aus den USA. (Man merkt, das war noch vor der Wahl ;-))

Nachdem den Versuchspersonen das Video gezeigt wurde, wurden diese gebeten subjektive Angaben zu verschiedenen Aspekten des Videos zu machen. Hier zeigten sich bereits deutliche Unterschiede. Zum Beispiel wurde „Der Sprecher sprach verständlich“ besonders gut bewertet, während „Das Video spricht mich emotional an“ eine eher mittelmäßige Bewertung erhielt.

Bei der Aussage „Alles in Allem mochte ich das Video“ zeigten sich bereits Formatpräferenzen. Das Whiteboard-Format schien sich dabei der größten Beliebtheit zu erfreuen, während das Color-Format schlechtere Bewertungen erhielt.

Wie lang sollen Erklärvideos sein? So lang wie nötig, so kurz wie möglich

Ein Faktor, der bei der Bewertung unabhängig vom Format eine enorme Rolle spielte, war die Laufzeit der Videos. Die besser bewerteten Videoformate zeichneten sich im Vergleich zu den eher mittelmäßig bewerteten Formaten meist durch kürzere Laufzeiten aus. Bei der These „Die Länge des Videos war akzeptabel“ schnitt das längste Video, nämlich das originale Explainity-Video mit seinen 340 Sekunden am schlechtesten ab, obwohl es in anderen Punkten die besten Bewertungen erhielt. Die Länge eines Erklärvideos scheint also durchaus einen bedeutenden Einfluss auf dessen Rezeption zu haben. Das wird gestützt durch die vorige Befragung. Mehr als die Hälfte aller Befragten aus beiden Gruppen sagten aus, dass sie Videos, die ihnen zu lang seien, abbrechen würden.

Und das Verblüffende ist: Längere Dauer bedeutet nicht gleichzeitig größerer Lerneffekt. Ganz im Gegenteil. Im anschließenden Wissenstest, in dem der Wissenszuwachs durch das Erklärvideo getestet werden sollte, stellte sich heraus, dass das längste Video den geringsten Lerneffekt erzielte und umgekehrt.

Um also das volle Potential von Erklärvideos in Zukunft besser auszuschöpfen, empfehlen die Forscher folgendes:

Kurze Laufzeit und qualitativ komprimierter Inhalt helfen den bestmöglichen Effekt beim Zuschauer zu erzielen. Durch sorgfältige Produktion in allen Bereichen (wie Konzeption, Skript, Dreh oder Postproduktion) streben wir genau das an: didaktisch gut aufbereitete, qualitative Inhalte mit denen kurz und knackig der ideale Lerneffekt erzielt wird.

Denn: Gute Erklärvideos haben nicht nur die Macht, das Wissen der Verbraucher zu erhöhen, sondern auch das Interesse am Thema und das Aktivierungspotential deutlich zu steigern.

Unsere Erfahrungen zum Thema: "wie lang darf ein Erkärvideo sein?"

Da das Thema "wie lang darf ein Erklärvideo sein" ein Dauerbrenner ist, hier noch einige Erfahrungen und Beobachtungen aus unserer Praxis. Wir haben zum Test ein Erkärvideo auf Youtube hochgeladen zum Thema "Johari Fenster". Schon nach kurzer Zeit wurde das Video bei den Suchtreffern ganz oben angezeigt. Es ist eines der kürzesten aller bei Youtube hochgeladenen Videos zu diesem Thema. Rankt es deshalb so weit oben? Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass wir Einblendungen im Video haben, die auf die Pink University verweisen. Eigentlich ein Showstopper. Aber offensichtlich kommt die Qualität trotz dieser Einblendungen gut an. Was wir aber genau wissen ist, dass das Video nur so lang ist, wie es unbedingt sein muss. Grundlage dafür ist die absolute redaktionelle und didaktische Verdichtung. Wir haben ein Drehbuch geschrieben (und das Drehbuch in vielen Schleifen überarbeitet und verbessert), wir haben einen professionellen Sprecher beauftragt und natürlich haben unsere Instructional Designer ihr bestes gegeben.

Redaktionelle und didaktische Bearbeitung von Erklärvideos spart Zeit und Geld

Für die betriebliche Weiterbildung hat das natürlich erhebliche Konsequenzen. Wenn durch redaktionelle und didaktische Verdichtung die Lernzeit auf Bruchteile verkürzt werden kann, steckt hier ein Hebel, um die Arbeitszeit der Mitarbeiter nicht unnötig zu belasten. Wenn 1000 Mitarbeiter in knapp zwei Minuten das "Johari Fenster" verstehen statt in sechs Minuten (die Dauer der anderen Erklärvideos variiert zwischen zwei und zwölf Minuten), sind 66 Arbeitsstunden gespart.

Darf ein Erklärvideo auch 1,5 Stunden dauern?

Dennoch leiten wir daraus kein Votum für Erklärvideos oder Schulungsvideos mit der Dauer von zwei Minuten ab. Denn wir wissen auch, dass das TED Format mit seinen 18 Minuten einen durchschlagenden Erfolg hatte und immer noch hat. Auch, was die Konzentrationsphasen anbelangt, geht die Wissenschaft eher von 20 Minuten als von zwei Minuten aus. Und nimmt man gar Spielfilme oder ein Fußballspiel, dann erkennt man, dass sich Menschen durchaus auch anderthalb Stunden konzentrieren können. Unsere Schlussfolgerung mag banal klingen, ist aber zumindest richtig:

"Die Länge eines Erklärvideos wird durch seinen Inhalt definiert."


Die diesem Artikel zugrundeliegenden Ergbnisse der Studie “How Do Consumers Evaluate Explainer Videos? An Empirical Study on the Effectiveness and Efficiency of Different Explainer Video Formats“, von Andreas Krämer und Sandra Böhrs, wurden veröffentlicht in: „Journal of Education and Learning” 2016, Vol. 6, No. 1 . http://www.ccsenet.org/journal/index.php/jel/article/view/64096/35123
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Veröffentlicht unter der https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
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